Eine Pilgerlustreise: Durchs Weinviertel im Citroën 2CV

Alfred Komarek, 2CV-Fahrer ohne 2CV, fährt auf seinen eigenen Spuren durchs Weinviertel, erinnert sich ein wenig an Simon Polt und erreicht schließlich sein Presshaus. Auf manches ist eben Verlass.

Online Redaktion
Veröffentlicht am 10.04.2019
Ein Artikel aus der Autorevue Extra 2019Aktuelle Abo-Angebote findet ihr hier

Von Alfred Komarek
Es muss in den späten Sechzigerjahren gewesen sein: Stadtflucht, wieder einmal, irgendwohin, der Nase nach. So bin ich über die Donau geraten und weiter nach Norden zu, ins Hügelland. Es war keine Landschaft mit Hügeln, die Hügel waren die Landschaft: weich gerundete Buckel, träge ­Wogen, ein sich Heben und Senken, Bewegung, die offenbar nur für den Augenblick innehielt. Mein Auto war damals eine Ente, blitzblau und von rührender Hinfälligkeit: der Rahmen geschweißt und so halbwegs zurechtgebogen, der Ölverbrauch weitaus eindrucksvoller als die zwölf Pferdestärken, die sich nur selten zur gemeinsamen Kraftentfaltung herbeiließen. Ich war fremd und recht ratlos zwischen den Hügeln, aber die Ente war hier zuhause. Sich wiegend und neigend fand sie tausend und einen Weg, vergnügte sich schamlos mit kuriosen Kurven und spielte mit dem Wind.
Später, als ich mit dem Weinviertel vertrauter war, wurde ich den Verdacht nicht mehr los, dass es ein Treffen zwischen Gott und André Citroën gegeben haben musste, der sich höflich, aber bestimmt ein Lustrevier für seine Enten und ihre sanften Menschen wünschte. Gott streichelte mit zärtlicher Gebärde Land zurecht, und sein Zeigefinger zeichnete viele krumme Straßen und Wege hinein. Voilá, Monsieur!
Doch kein Paradies ohne Sündenfall: Ich betrog meine Ente mit großen, schnellen Autos. Da saß ich dann drin, eine fatale Mischung aus Jochen Rindt und Woody Allen, hatte es ohne Eile eilig, machte mich wichtig und lächerlich. Aber die Sehnsucht nach automobiler Unschuld blieb wach, und eines Tages gelang das rettende Bremsmanöver. Gut, ja, ein Charleston musste es schon sein, nachsichtig belächelt von der Entengemeinde. Dann gab’s noch eine froschgrüne Ente, und dann war Schluss.
Und heute? Ein sentimentaler Rückblick in eine geliebte, doch auch sehr vergangene Vergangenheit war mir zu wenig. Es musste schon eine neue, lebendige Erfahrung her. Wie wäre es, meinen vielen, vielen Entenreisen zwischen Wien und dem Pulkautal, dicht an der Grenze zu Tschechien, eine weitere, eine aktuelle hinzuzufügen?

Eine Pilgerlustreise: Durchs Weinviertel im Citroën 2CV
Schön vor mollig. Bei manchen Bauwerken ist es durchaus ratsam, sie mit Design-Klassikern zu verparken, ­indes: Wenn eine Kirche so mollig ist wie jene in Hetzmannsdorf, dann reicht ein einzelner 2CV nicht ganz.
Eine Pilgerlustreise: Durchs Weinviertel im Citroën 2CV


Aber wer borgt mir schon eine Ente? Dezent gesalzene Straßen und ein Fahrer, der womöglich längst vergessen hat, wie die Symbiose mit einem dermaßen sensiblen Gefährt glücken kann?
Eines Tages tat sich ein Tor auf, in Dürnleis. Gerti und Peter traten hervor, schauten freundlich drein, hielten ihre Bangigkeit tapfer im Zaum und holten eine rot-weiß-rote Ende aus der Schatzkammer. Und der Winter gab sich sogar verhalten heiter: zart ­hingetupftes Pastell, ein Himmel aus blauem Glas darüber.
Also los. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass mein Hinterteil zu solcher Wiedersitzensfreude fähig wäre, innig vermählt mit wohliger Leidenschaft. Die Ente sang und knarzte und erzählte und brabbelte vor sich hin, und alles rings um mich hüllte mich ein, als wäre ich nie fort gewesen.
Also erst einmal nach Wien, weil anständige Reisen einen richtigen Anfang brauchen und eilfertige Abkürzungen verbieten. Keine Autobahn, versteht sich, und nach Stockerau, dem vorläufigen Ende der urbanen Welt, machtvolle Beschleunigung bei herzhaftem Rückenwind, eindrucksvolle Rasanz – wie damals, als sich unversehens ein Gendarm ins Bild geschoben hatte: ein rundbäuchiges, waffengegürtetes Monument entschlossener Ordnungsmacht, meinem haltlosen Vorwärtsstreben unmissverständlich Einhalt gebietend. „Na?“, heischte er gnadenlos Auskunft. Ich indes, frei wie ein Vogel und federleicht gelaunt, gestand frohlockend, dass es wohl mehr als hundert Stundenkilometer gewesen sein könnten, ich sei einfach zu stolz und müde für akribische Kontrolle und könne überdies nicht ausschließen, dass die Sinnesfreuden der vergangenen Nacht noch in Spuren messbar sein könnten. Das Monument verharrte in schaurigem Schweigen. Nach zwei, drei Ewigkeiten stahl sich ein merkwürdiger Schimmer ins amtliche Antlitz. „Fahr’n s’ weiter!“

Wie befohlen gen Hollabrunn aufgebrochen und des Manhartsbergs stürmische Wehr im zweiten Gang erklommen. Stürmische Wehr … diese maßlose Übertreibung verdanke ich dem langjährigen Redakteur der „Hollabrunner Heimatzeitung“, Kurt V. Strohmer, der mich mit so mancher betäubend eindrucksvollen lyrischen Erfahrung beschenkte. Kurt V. war nämlich auch Dichter, und immerdar wird mir die erste Zeile seiner flammenden Anklage wider allzu eilfertige Mobilität im Gedächtnis bleiben. Sein Gedicht „Abschied“ beginnt mit der unsterblichen Zeile „Wenn auf dem Airport sich die Düse regt“.
In Hollabrunn gilt und galt es, von der Bundesstraße Abschied zu nehmen: Aspersdorf, und dann Hetzmannsdorf. Dort steht eine viel zu dick geratene Kirche, überdies dottergelb gestrichen – und gegenüber gab es das multifunktionale Wirkungsfeld von Herrn Planer: Gasthaus, Gemischtwarenhandlung und Tabaktrafik, später dann auch noch Postamt. Wer hier eintrat, dem sollte es an nichts fehlen: Speis und Trank, Reiseproviant, Tageszeitung, Schundheftl, Stempelmarken … Herr Planer wechselte in souveräner Dienstbeflissenheit nicht nur die Funktionen, sondern wählte dazu auch den passenden Arbeitsmantel. Von diesem Universum ist heute nur ein Wirtshaus übrig, doch immerhin.
Zeit, einen Haken zu schlagen und Guntersdorf anzusteuern. Ein Schloss nebst Meierei, bitte schön, und schon wieder eine verwehte kulinarische Institution: Der Fleischhauer Erwin Eber (wer sonst?) und seine leberkäsesemmelduftende Imbissecke. Vorbei, ach, vorbei.

Eine Pilgerlustreise: Durchs Weinviertel im Citroën 2CV
Wie im Film. Das Kaufhaus in den Polt-Filmen war durchaus echt, es musste für die Dreharbeiten nur umbenannt werden. Danach wollte der Name einfach draufbleiben. Manchmal können Dinge so einfach sein.


Jetzt hält mich nichts mehr.  Hurtig, aber nicht hastig geht es hügelauf, hügelab, bis in Jetzelsdorf die Reise zum Grenzfall wird. Ins Pulkautal eingebogen und dann in Alberndorf vor dem Karlwirt eingeparkt. Dieses Wirtshaus gab es schon immer und wird es vermutlich in alle Ewigkeit geben, weil der Senior-­Wirt mit dem beziehungsreichen Namen Karl Weinwurm nebst Senior-Wirtin Maria zwei muntere Töchter hat, deren nicht minder reizvolle Töchter freudig zur Mutterschaft neigen. Dazumal, in der ehrwürdigen Epoche der blitzblauen Erst-Ente, wollte das gute Tier bei Regenwetter häufig nicht anspringen. Aber an der Schank lehnte ja gewöhnlich ein Gendarm, der sich nach einem Achtel Grünen Veltliners durchaus geneigt zeigte, seinen Streifenwagen vorzuspannen. Polt hieß er übrigens. Zufälle gibt’s.
Hinter dem Karlwirt ist ein Fußballplatz zu finden, der zweimal zum weltbewegenden Schauplatz wurde: Hollareithulliöh, das bis heute größte 2CV Treffen in Österreich. Das lag an mir, wie ich in aller Unbescheidenheit anmerke, vor allem aber an Bürgermeister Zottl, einen Dorfoberen von epischen Ausmaßen. Als einmal ein dicker Mercedes mit dickem Fahrer neben ihm hielt und Letzterer mitleidig grinsend nach den Sehenswürdigkeiten hierzulande fragte, sprach Herr Zottl: „Die erste steht schon neben Ihnen.“
Als wir gemeinsam das 2CV-Treffen planten, versprach dieser natürlich auch kochkundige Mann feierlich, einen Waschkessel voll Sauschädelsuppe zu kochen. Als sich dann das Treffen dem Ende zuneigte und noch immer nichts davon zu bemerken war, forderte ich ernsten Blickes und mit fester Stimme sein Versprechen ein. Er darauf: „Nicht vor den Kindern streiten!“ Tags darauf dampfte die Suppe vor sich hin, und es war gut so: Regenwetter und saukalt.

Eine Pilgerlustreise: Durchs Weinviertel im Citroën 2CV
Wieder daheim. Alfred Komarek fährt jetzt Fiat 124 Spider, die Ente hat ihn aber nie ganz losgelassen. Wohl dem, der Freunde hat, die Autos herborgen für eine Reise zu sich selbst.
Eine Pilgerlustreise: Durchs Weinviertel im Citroën 2CV


Die wirklich wahre und alles entscheidende Gipfelkonferenz fand aber in meinem von zahlreichen Enten umringten Presshaus im nahen Obritz statt. Ich bitte euch um Vergebung, ihr Lieben, Lustigen, Gescheiten, aber ich weiß fast keine Namen mehr, obwohl mir die Gesichter noch immer vertraut sind. Aber die Gerti war schon damals dabei: eines jener heimtückischen Weibsbilder, die mit den Jahren immer noch reizvoller werden, während unsereiner an Schäbigkeit kaum noch was zu wünschen übrig lässt. Aber ich bin außerordentlich stolz darauf, sie letztlich ins Weinviertel gelockt zu haben und ihren Peter gleich mit. Mein Presshaus und der Keller schauen aus wie immer, nur der große Nussbaum davor fehlt – und er fehlt mir sehr: ein alter Freund weniger. Dennoch taugt dieses kleine, wuchtige Gebäude, seltsam unbestimmt ohne Fundament auf den Boden gestellt, heute wie damals zum respektablen, vergnüglichen Reiseziel. Aber der Weg dort hin wäre keiner ohne gehörige, ungehörige Umwege. Also wieder einmal gespürt, wie gut Enten und Kellergassen miteinander können: Für beide mag es wohl Anfang und Ende geben, aber unendlich viele Ziele räkeln sich reizvoll dazwischen. Weiter oben dann im weithin ausgespannten Land nach Norden zur Grenze hin Schnee und Eis (war ja doch eine gute Idee, Winterreifen zu montieren). Die Stille verkostet, mit der Einsamkeit geredet und in die weiße Welt ringsum die Farben alter Bilder gemalt: zaghaft leichtsinnige Frühlingstage, das Entendach sehnsuchtsvoll geöffnet, träge Sommerhitze dann, schwere, sinnliche Gerüche, die sich ins weithin geöffnete Auto drängten, endlich ungenierte Fruchtbarkeit im Herbst, die Luft voller Wein und ein leiser, elegischer Ton von Abschied darin.

Das Ziel zu guter Letzt, Presshaus und Keller. Den vielen Geschichten lauschen, die sie zu erzählen wissen. In einer dunkel verschatteten Nische haben tschechische Musiker ihre Namen eingetragen. Darunter steht „1987“ zu lesen und „Hoffnung auf gemeinsames Gebet“. Es hat geholfen, wie wir wissen. Das Ensemble hatte damals ein Konzert in Hollabrunn gegeben. Nachher ging der Herr Bürgermeister mit den Herren vom ORF zum Abendessen, und die Musiker waren sich selbst überlassen. Ich habe sie dazu überredet, mit ihrem Autobus doch Kurs auf mein Presshaus zu nehmen. Es wurde ein lange, herzliche Nacht, voll mit Musik, Wein und Freundschaft. Abreise nach Hollabrunn im Morgengrauen. Doch eine Basstuba wurde im Presshaus vergessen. Die reiste dann mit der Ente hinterher, fürwitzig aus dem offenen Dach ragend.
Wie auch immer: Aufbruch nach Wien, irgendwann, recht elegisch. Und was hilft in solchen Fällen? Ein Umweg, der viele Umwege und noch mehr Hügelland in sich birgt – und in Dürnleis ja doch mit einem Abschied endet, der kein Abschied sein möchte. Schön, dass es Menschen wie Gerti und Peter gibt, die Enten bei sich wohnen lassen und ihnen immer wieder mit herzlicher Tatkraft helfend ins Gefieder greifen. Ja, und so nebenbei erwähnt: Ich lese neuerdings wieder verschämt und sehnsuchtsvoll Kleinanzeigen. Eh klar, welche.

Das neue Buch.
Natürlich ist die Namensgleichheit kein Zufall, man darf nur nicht am Äußeren hängenbleiben: Der Alfred in Alfred Komareks neuem Buch ist ein Mistkübel, und er beschließt, in sich zu gehen. Freilich wird eine witzige, entschleunigte, gefühlvolle Reise draus.
Haymon Verlag, 108 Seiten, 14,90 Euro.

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